Vintage Cartier: Paris, London, New York und die Tank erklärt

Von Frederic, FRED's Watches · 16.10.2026 · 11 Min. Lesezeit

Cartier Tank Louis Cartier Ref. 78086 mit Paris-signiertem Zifferblatt
Tank Louis Cartier Ref. 78086 mit frühem „PARIS"-Zifferblatt. Foto: FRED's Watches.

Jahrzehntelang galt Cartier als Juwelier, der nebenbei Uhren verkauft. Die Sammler sehen das inzwischen anders. Im Mai 2021 erzielte eine kleine goldene „Pebble" von Cartier London aus dem Jahr 1972 bei Phillips in Genf 403.200 CHF, bei einer Schätzung von 50.000–100.000 CHF. Die Pebble war ein Londoner Entwurf aus der Zeit von Jean-Jacques Cartier (dem Sohn von Jacques Cartier), mit einem in London von Wright & Davies gefertigten Gehäuse und einem Handaufzugswerk Jaeger-LeCoultre P838 mit Cartier-Signatur; von der großen Ausführung sind nur eine Handvoll bekannt. Nach Daten von Chrono24 stieg Cartiers Anteil an den Uhrenkäufen der Generation Z auf der Plattform von 1,7 % im Jahr 2018 auf 6,8 % im Jahr 2023. Dressuhren sind zurück, und die Tank ist die Dressuhr schlechthin.

Dieser Ratgeber erklärt, woher Vintage-Uhren von Cartier stammen, wie die Tank-Familie zusammenhängt und worauf wir achten, bevor eine Vintage Cartier in unseren Shop kommt.

Drei Häuser, ein Name

Cartier wurde 1847 von Louis-François Cartier in Paris gegründet und zog 1899 in die Rue de la Paix 13. Seine drei Enkel teilten die Welt unter sich auf:

  • Louis Cartier leitete Paris und entwarf die Uhren, die den Namen berühmt machten: Santos, Tortue, Tank.
  • Pierre Cartier eröffnete New York und erwarb 1917 bekanntlich die Villa an der Fifth Avenue im Tausch gegen eine Perlenkette.
  • Jacques Cartier leitete London.
Louis Cartier, fotografiert vom Atelier Nadar 1898
Louis Cartier (1875–1942), fotografiert vom Atelier Nadar 1898. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Die drei Häuser teilten Entwürfe, bauten aber eigene Versionen mit unterschiedlichen Lieferanten. In den 1960er-Jahren verkaufte die Familie die drei Geschäfte getrennt. Eine Gruppe um Robert Hocq kaufte 1972 Cartier Paris und holte London (1974) und New York (1976) wieder unter ein Dach. Für Sammler erklärt diese Geschichte, warum zwei „identische" Vintage Tanks recht unterschiedlich sein können.

Paris London New York
Signatur Oft „Paris" auf dem Zifferblatt, manchmal auf dem Boden, manchmal nirgends Manche Zifferblätter mit „London"; englische Punzen am Gehäuse Meist keine Stadt auf dem Zifferblatt, oft nur „Swiss"
Typische Werke Jaeger und LeCoultre, später Piguet, Piaget und andere Jaeger-LeCoultre und andere Schweizer Hersteller European Watch & Clock Co. (EWC), im Besitz von Cartier
Charakter Die klassischen Cartier-Entwürfe Kleinere Stückzahlen, mutigere Varianten Eigene Größen und Versionen für amerikanische Kunden

Ein Londoner Gehäuse mit englischen Punzen oder ein New Yorker Werk mit EWC-Stempel ist oft der einzige verlässliche Weg, eine frühe Uhr zuzuordnen. Modellreferenzen verwendete Cartier erst viel später; bei Vintage-Stücken zählt die Seriennummer auf dem Boden, und Cartier veröffentlicht keine Seriennummernlisten.

Die Santos (1904): wo die Herrenarmbanduhr begann

Louis Cartier baute eine Uhr für seinen Freund Alberto Santos-Dumont, den brasilianischen Flugpionier, der am Steuer seiner Flugmaschinen keine Taschenuhr hervorholen konnte. Cartier datiert sie auf 1904; ein Dokument aus diesem Jahr ist nicht erhalten, das Datum stammt aus Cartiers eigenen späteren Unterlagen. Das quadratische Gehäuse mit verschraubter Lünette gehört zu den ersten Armbanduhren, die für Männer entworfen wurden. 1907 schloss Cartier mit dem Werkehersteller Edmond Jaeger einen Vertrag, der Jaegers Werke für Cartier reservierte, und ab 1911 wurde die Santos öffentlich verkauft.

Alberto Santos-Dumont an Bord einer seiner Flugmaschinen
Alberto Santos-Dumont an Bord einer seiner Maschinen, 1900er-Jahre. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Die Santos, die die meisten heute kennen, ist jünger. 1978 brachte Cartier unter Alain-Dominique Perrin eine Santos aus Stahl und Gold heraus, mit goldenen Schrauben auf Lünette und Band. Bis dahin hatte Cartier fast nur in Edelmetallen gearbeitet, eine Cartier aus Stahl war also ein echtes Wagnis. Es ging auf, und die Bicolor-Santos wurde zu einer der prägenden Uhren der 1980er-Jahre. 1987 wurde sie als Santos Galbée (gewölbtes Gehäuse) überarbeitet.

Worauf Sie bei einer Vintage Santos achten sollten: Abnutzung der vergoldeten oder massiv goldenen Schrauben (Spuren vom Schraubendreher), Längung und Reparaturen am Band und ob Zifferblatt und Zeiger original sind. Originalpapiere geben Sicherheit und Wert.

Die Tank (1917): die Form eines Panzers, von oben gesehen

Louis Cartier entwarf die Tank 1917; 1917 und 1918 folgten Prototypen, und 1919 wurden die ersten Uhren verkauft. Die Form ist von den Panzern des Ersten Weltkriegs inspiriert, meist wird der französische Renault FT genannt: Von oben gesehen sind die beiden seitlichen Schienen des Gehäuses (die Brancards) die Ketten des Panzers und das Zifferblatt ist die Kabine dazwischen.

Ein Renault-FT-Panzer um 1917
Ein Renault FT um 1917, meist als Vorbild der Tank genannt. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Die Idee war so einfach, dass sie sich endlos abwandeln ließ, und genau das tat Cartier:

Die Cartier-Tank-Familie: Normale, Cintrée, Louis Cartier, Chinoise, Basculante und Must de Cartier
  • Tank Normale (1917/1919): das Original, mit kantigen Schienen.
  • Tank Cintrée (1921): lang und gewölbt, damit sie sich ans Handgelenk legt. Heute als Tank Américaine verkauft (ein Name, den es seit 1989 gibt).
  • Tank Louis Cartier (1922): weichere, abgerundete Schienen. Die beliebteste Form und die Basis der meisten späteren Tanks.
  • Tank Chinoise (1922; manche Quellen nennen 1921): Querstege oben und unten, inspiriert von der damaligen Mode für chinesisches Design.
  • Tank Basculante (1932, das Jahr der Patentanmeldung): Das Gehäuse lässt sich in seinem Rahmen wenden, in denselben Jahren wie die Reverso von Jaeger-LeCoultre (1931).
  • Tank Asymétrique (1936): ein schräges Parallelogramm, in winzigen Stückzahlen gebaut und sehr begehrt.

Frühe Größen wurden in Linien angegeben (eine Linie entspricht etwa 2,26 mm). Frühe Tanks gab es in 7 bis 10 Linien; deshalb wirken echte Stücke aus den 1920er-Jahren an heutigen Handgelenken klein.

Die 1970er-Jahre: Tank Louis Cartier Ref. 78086 und das „Paris"-Zifferblatt

Für die meisten Sammler ist die Tank Louis Cartier der 1970er- und 1980er-Jahre der realistische Weg zu einer Vintage Tank aus massivem Gold, vor allem die Ref. 78086: ein Gehäuse aus 18 Karat Gelbgold von etwa 23,5 × 30,5 mm, das Cartier-Handaufzugskaliber 78-1 (17 Steine; eine Cartier-signierte Version des ETA 2512-1), eine Krone mit Saphir-Cabochon und ein weißes Zifferblatt mit schwarzen römischen Ziffern und „Eisenbahn"-Minuterie.

Seitenansicht der Tank Louis Cartier 78086 mit der Saphir-Cabochon-Krone
Die geperlte Krone mit Saphir-Cabochon gehört zur Identität jeder Tank. Foto: FRED's Watches.

In der 78086 finden sich zwei Zifferblätter:

  • „Paris"-Zifferblatt: „PARIS" unter der VI. Händler und Sammler sehen diese allgemein als die früheren Zifferblätter und zahlen mehr dafür.
  • „Swiss"-Zifferblatt: die spätere Version, ebenfalls original und korrekt, aber weniger gesucht.

Aktuelle Auktionsergebnisse zeigen ein realistisches Niveau: Eine 78086 erzielte im Dezember 2024 bei Finarte in Mailand 6.300 €, eine andere im Juni 2026 bei Bonhams in New York 7.680 US-Dollar (jeweils inklusive Aufgeld). Für Paris-Zifferblätter in Top-Zustand verlangen Händler mehr, teils deutlich über 10.000 US-Dollar.

Gehäuseboden der Tank Louis Cartier Ref. 78086
Boden einer 78086: Prüfen Sie die Seriennummer und ob das Gehäuse stark poliert wurde. Foto: FRED's Watches.

Die Geheimsignatur: vorhanden, fehlend, und warum das zählt

Ab einem Zeitpunkt in den 1970er- oder 1980er-Jahren versteckte Cartier auf vielen Zifferblättern ein winziges „CARTIER" in den Strichen einer Ziffer, meist in der VII, manchmal in der X. Ein genaues Anfangsdatum ist nirgends veröffentlicht. Datierte Exemplare deuten frühestens auf die Mitte der 1970er-Jahre.

Das heißt:

  • Keine Geheimsignatur auf einem frühen Zifferblatt ist normal.
  • Eine Geheimsignatur auf einem angeblich sehr frühen Zifferblatt verdient eine Nachfrage.
  • Ein Ersatz- oder „Service"-Zifferblatt verrät sich oft durch kleine Unterschiede im Aufdruck, zum Beispiel „Swiss Made" unten statt nur „Swiss" oder „Paris", oder eine andere Schrift. Weil Cartiers Service gealterte Zifferblätter routinemäßig tauschte, kann eine 78086, die ursprünglich ein Paris-Zifferblatt hatte, nach einer Revision mit einem späteren zurückkommen. Auch deshalb erzielt ein originales, unberührtes Paris-Zifferblatt einen Aufschlag.

Die Must de Cartier (1977): Vermeil und Farbe

In den 1970er-Jahren wollten Robert Hocq und Alain-Dominique Perrin neue, jüngere Kunden zu Cartier bringen. Die Antwort hieß Les Must de Cartier, eine 1973 gegründete Linie mit einer Boutique an der Place Vendôme: zuerst Feuerzeuge, Füller und Lederwaren, dann ab 1976/77 eine Tank aus Vermeil, Sterlingsilber mit einer dicken Goldschicht. Die meisten Quellen datieren die Must Tank auf 1977 (einige auf 1976); sie war die erste Uhr mit „Must de Cartier" auf dem Zifferblatt. Laut Fratello kostete sie zum Start etwa 500 US-Dollar, und Cartiers Uhrenproduktion wuchs von rund 3.000 Stück pro Jahr Mitte der 1970er auf rund 160.000 am Ende des Jahrzehnts, vor allem dank der Must-Linie.

Must de Cartier Tank mit seltenem goldfarbenem Doré-Zifferblatt
Must de Cartier Tank, große Ausführung, mit seltenem Doré-Zifferblatt. Foto: FRED's Watches.

Warum Sammler sie heute schätzen:

  • Das Gehäuse hat die echte Form der Tank Louis, nur in Vermeil. Die Goldschicht ist 20 Mikrometer dick, auf dem Boden als „PLAQUÉ OR G 20 M" gestempelt, viel dicker als eine gewöhnliche Vergoldung.
  • Die Zifferblätter. Neben dem klassischen weißen Zifferblatt mit römischen Ziffern gab es die Must in Bordeaux, Marineblau, Schwarz, Creme und Doré-Lack, mit Sektor-Zifferblättern, imitiertem Lapislazuli und Onyx und dem dreifarbigen „Trinity"-Zifferblatt.
  • Der Preis. Viele Vintage Musts kosten noch unter 2.000 € (Schätzung von Fratello), viel weniger als eine moderne Tank.
Boden einer Must de Cartier Tank mit Silber- und Vermeil-Stempeln
Der Boden einer Must Tank: „925 · ARGENT · PLAQUÉ OR G 20 M", also Sterlingsilber mit 20 Mikrometern Gold. Foto: FRED's Watches.

Worauf Sie bei einer Must achten sollten:

  1. Abnutzung der Vergoldung. Sehen Sie sich die Kanten der Schienen, die Anstöße und den Boden an. Durchscheinendes Silber mindert den Wert. Neu vergolden ist möglich, verändert aber die originale Oberfläche.
  2. Zustand des Zifferblatts. Lackzifferblätter können reißen („Spinnennetz") und manche Farben oxidieren. Leichte, gleichmäßige Alterung ist normal, große Risse nicht.
  3. Werk. Frühe Musts hatten mechanische Handaufzugswerke (auf ETA-Basis); bald übernahm Quarz. Beides ist in Ordnung. Mechanische Versionen sind gesuchter, Quarzversionen alltagstauglicher. Achten Sie bei Quarz darauf, dass das Werk sauber ist und keine Batterie ausgelaufen ist.
  4. Größe. „Große" Musts messen etwa 23 × 30 mm, die Damengröße etwa 20 × 28 mm.

Was wir bei jeder Vintage Cartier prüfen

  • Zifferblatt: original oder ersetzt? Achten Sie auf Signatur, Schrift, Minuterie und, wo zu erwarten, die Geheimsignatur. Ein gerissenes Email- oder Lackzifferblatt ist immer noch original; ein makelloses neues Service-Zifferblatt nicht.
  • Zeiger: Gebläute Schwertzeiger sollten zueinander und zur Epoche passen. Unpassende Zeiger sind ein häufiges Zeichen für ein getauschtes Zifferblatt.
  • Krone: ein blauer Cabochon (Saphir oder synthetischer Spinell) in einer geperlten Krone aus dem Metall des Gehäuses.
  • Gehäuse: scharfe Schienen mit klaren Kanten. Überpolierte Tanks verlieren die klare Linie zwischen Brancards und Lünette.
  • Revisionshistorie: Cartiers eigener Service tauscht Zifferblätter und Kronen oft standardmäßig. Wenn Sie ein Vintage-Stück bei Cartier warten lassen, verlangen Sie schriftlich die Originalteile zurück.

Häufige Fragen

Was ist ein „Paris-Zifferblatt" bei einer Cartier Tank? Ein Zifferblatt mit dem Aufdruck „PARIS" unter der 6-Uhr-Position. Bei Tank-Louis-Cartier-Modellen der 1970er-Jahre wie der 78086 sind Paris-Zifferblätter die frühere Version und mehr wert als die späteren „Swiss"-Zifferblätter.

Ist eine Must de Cartier eine echte Cartier? Ja. Cartier gründete die Linie Must de Cartier 1973, und Must Tanks wurden ab 1977 (manche Quellen sagen 1976) gebaut und verkauft. Sie sind aus Vermeil (Gold auf Sterlingsilber) statt aus massivem Gold, und die meisten haben Quarzwerke, aber das Design ist das der Tank Louis Cartier.

Was ist die Cartier-Geheimsignatur? Ein winziges „CARTIER", versteckt in einer römischen Ziffer, meist der VII. Sie findet sich auf vielen Zifferblättern ab etwa Mitte der 1970er-Jahre; ein genaues Anfangsdatum ist nicht veröffentlicht. Frühere Zifferblätter haben sie nicht.

Sind Uhren von Cartier London wertvoller? Oft ja. Londoner Stücke entstanden in kleineren Stückzahlen, mit englischen Punzen und manchmal einem „London"-Zifferblatt, und Sammler zahlen dafür einen Aufschlag.

Was bedeutet Vermeil? Sterlingsilber mit einer Goldschicht. Cartier verwendete bei den Must-Uhren eine Schicht von etwa 20 Mikrometern.

Vintage Cartier bei FRED's Watches

Jetzt in unserem Shop: die Tank Louis Cartier Ref. 78086 mit frühem Paris-Zifferblatt, eine Must de Cartier Tank mit seltenem Doré-Zifferblatt, Must Tanks aus Vermeil, eine Santos mit Originalpapieren von 1994 und die Panthère. Versicherter Expressversand ist in jedem Preis enthalten.


Quellen und weiterführende Literatur

  • Sotheby's, Understanding the Differences Between Cartier Paris, Cartier London and Cartier New York
  • Beyond the Dial, A Detailed Primer On a Century of Cartier Tanks (1919–present)
  • The Rake, Watchonista, Bob's Watches und Monochrome Watches zur Geschichte der Tank und ihrer Varianten
  • Swisswatches Magazine, How the Cartier Santos Took Flight (Datierung 1904, Jaeger-Vertrag 1907, Verkauf ab 1911)
  • The Rake und Mr Porter zur Santos aus Stahl und Gold von 1978
  • Sotheby's-Losbeschreibungen und the-cartiers.com zur Wiedervereinigung von Cartier (1972–1976)
  • Fratello, Value In Vintage: The Tank Must De Cartier (Start, Vermeil, Produktionszahlen, Preise)
  • Rewrist, Vintage Cartier Tank buying guide (20-Mikrometer-Vermeil)
  • Revolution, Watch I Love: The Must de Cartier (Gründung von Les Must 1973)
  • Caliber Corner, Cartier caliber 78-1 (Basis ETA 2512-1)
  • Bonhams, Cartier London, und the-cartiers.com zur Pebble (Jean-Jacques Cartier, Wright & Davies, JLC P838)
  • Phillips Geneva Watch Auction XIII (Mai 2021) und WatchPro zur Cartier London Pebble
  • Auktionsergebnisse von Sotheby's, Bonhams und Finarte zur Ref. 78086
  • The Ethos zu Chrono24-Daten über Käufer der Generation Z
  • Forendiskussionen auf WatchUSeek, OmegaForums und WatchProSite (Service-Zifferblätter, Geheimsignatur)

Bildnachweis: Louis Cartier vom Atelier Nadar (1898), Santos-Dumont, Renault FT: gemeinfrei über Wikimedia Commons. Uhrenfotos: FRED's Watches. Grafik: FRED's Watches.